Texte

 

 

 

„…, trotzdem ist die wahl der figur vitus bering nur als standort zu werten,
von dem aus beziehungen hergestellt werden, wie der fischer ein netz wirft,
in der hoffnung, etwas zu fangen.“
Konrad Bayer, Sämtliche Werke Band 2, Wien 1985, S 168

 

 

 

Es ist ein Denken in Bildern. Zumindest der Versuch in Bildern zu denken
(deshalb sage ich auch oft „experimentelle Bilder“). Teile aufeinander beziehen.
H S

 

 

 

„…..von seinen Vorstellungen der geistigen Arbeit in (komponierten, scheinbar
unwillkürlich aufeinander bezogenen) Fragmenten, davon, dass der wesentliche
Dialog nur ein Selbstgespräch sein kann, ….“
Franz Schuh, Memoiren, Wien 2008, S 95

 

 

 

Von der Orientierungslosigkeit zur Desorientiertheit hin zu Bildungsversuchen.
Wer war das? Was war das? Was ist das? Wer ist das? Wie geht das? Angeborener
Forschungsauftrag und der Wunsch nach Ganzheit, wenn nicht Vollständigkeit.
Versuch zu denken. Fragment als das bestmögliche Ergebnis.
H S

 

 

 

„…Überlagerungen und Mängel erinnern an jene, die Franz Kuhn einer gewissen
chinesischen Enzyklopädie nachsagt, die sich betitelt: Himmlischer Warenschatz
wohltätiger Erkenntnisse
. Auf ihren uralten Blättern steht geschrieben, dass die Tiere
sich wie folgt unterteilen: a) dem Kaiser gehörige, c) einbalsamierte, c) gezähmte,
d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) streunende Hunde, h) in diese
Einteilung aufgenommene, i) die sich wie toll gebärden, j) unzählbare, k) mit feinstem
Kamelhaarpinsel gezeichnete, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben,
n) die von weitem wie Fliegen aussehen.”
Jorge Luis Borges, Gesammelte Werke, Der Essays dritter Teil, München Wien 1991, S 111

 

 

 

„wenn der leser einen gewinn aus der lektüre meines buches ziehen kann, so wird das,
hoffe ich, ein gefühl davon sein, dass er sich mit aller kraft gegen den beweis,
gegen die kontinuität und die kontingenz, gegen die formulierung, gegen alles richtige,
unabwendbare, natürliche und evidente richten muss, wenn er eine entfaltung seines
selbst – und sei es auch nur für kurze zeit – erleben will. möge er bedenken, welcher
kraft, welchen formats es bedarf, gegen eine im großen ganzen abgerundete, stimmige,
einhellige welt aufzustehen, wie sie uns in jedem augenblick an den kopf geworfen wird:
er wird mir verzeihen, wenn ich die richtigen ansatzpunkte selten gefunden und in
vielem über das ziel hinausgeschossen habe.“
Oswald Wiener, die verbesserung von mitteleuropa, roman, Reinbek 1972, S 191

 

 

 

Opelgelb die Zitrone / Fordblau der Himmel / Elfenbeinflügel belüften das Gehirn /
Die Frisur juckt / Es klebt der Frisör / Hallelujah! Engel der Märtyrer! /
Ein braunes Getöse fährt zum Himmel / Schwefelduft und Elefantengestank! /
Gelbe Wolke Teufelszeug / Knittelfeld war besser! / Der Schofför lüpft die Kappe /
Und zeigt sein Vogelnest / Ha ha ha ha hi hi hi hi ho ho ho ho /
Den Gurkenwitz erzähle ich gern.
HS 1989

 

 

 

„Die „eigentliche Politsierung“ ist der Idealfall, bei dem man eine Ahnung davon
erwirbt, wer die anderen sind und wer man – im Verhältnis zu diesen anderen – selber
ist, und was man auf der Grundlage dieser (Selbst-) Erkenntnis tun kann und was nicht.“
Franz Schuh, Memoiren, Wien 2008, S 91.

 

 

 

„I got a restless fever / Buried it in my brain/Better keep right forward / Can’t spoil the game
The same way I’ll leave here / Will be the way that I came / Got a restless fever / Buried it in my brain“
Bob Dylan, If You Ever Go To Houston, in Together Through Life, Columbia/Sony Music 2009

 

 

 

Im Rest denkt man sich

Helmut Stadlmanns Bilder leiden am Denken; an der Erfahrung, dass das Auge sich
für sich eine gewisse Erfahrung und gewisse Manieren aneignet. Sie erzeugen sich aus
einem Dualismus, der sich bestreitet und ergänzt – und das ist der des Bildes und der
des Verfahrens der Bildwerdung, welcher aus einem vormaligen Ganzen zu lesende Stücke
macht und der Freilegung seiner strategischen Organisation dient.
Dieses Verfahren, in dem ein “klassischer” Vorentwurf durch die konkrete Arbeit mit
der Schere zerschnitten wird und die Teile, die aus diesem Reduktionsvorgang entstehen
zum verlorenen Ganzen einer matritzenhaften Ordnung wiederhergestellt werden, sodass
die neuen Teile als Bilder für sich selbst und als Konkretisierung des vormaligen
Ganzen behandelt werden, weiß sich nur von sich selbst angeschaut: Stumme Forderung,
um die eine Leere entsteht, immer mehr Leere.
Reduktion hat eine Logik, nämlich die, welche innerhalb eines formalen Systems die
Verknüpfungen einzelner Teile zu einer Grammatik regelt. Das erlaubt ihr eine klare
Unterscheidung zwischen den Regeln der Form und deren Kompositionsverfahren sowie
der Morphologie des “malerischen Stils” zu treffen. Der des malerischen Stils, der sich
in diesen Bildern ebenfalls thematisiert: In der Arbeit aus dem schwarzen Grund; in
der Arbeit aus dem weißen Grund; – sprich, in der Verdichtung der Luzidität; im Fließen
der Farbe und im Stehen des deckenden Pinselstriches; in der Verwendung der “reinen”
Farbe und in der Verwendung der Zeichnung. Bilder die etwas von Entwürfen von Bildern
an sich haben.
Stadlmanns Arbeiten sind gleichsam eine Markierung des Gleichgewichtszustandes
zwischen den einzelnen Krustenstücken der Bil(ober)fläche und den darunter befindlichen
Zonen der Krusten eines “intensiven Realen”. Ein Teil des vermeintlich erzeugten Ganzen
wird in ihnen vollständig geopfert um es nicht als Beute einer Illusion tautologischer
Ordnung aufs Spiel zu setzen. Sie sind dadurch das Gegenteil einer Collage, weil in
ihnen nicht Bedeutungen ironisiert werden oder die neue Umgebung Bedeutungsfelder
eröffnet, sondern weil die Bedeutungen durch den Vorgang der Reduktion veschärft
werden und so erst unsicher. – Jede Veränderung, ja die Bewegung selbst, würde
durch den tautologischen Charakter Collage ja ausgeschlossen.
Die Konstruktion von Bildern im Betrachter ist eben etwas wesentlich anderes,
als zum Beispiel die grüne Farbe, welche der im Bild untersuchte Gegenstand
vielleicht hat. Es sind also eher unsere Vorstellungen, die wir das Bild untersuchend
finden, als jene des untersuchten Bildes.
Assoziation ist in Stadlmanns Bildern grammatisches Bewußtsein, – Verklebung und
Verwachsung durch eine rigide Ordnung: die Ordnung der Schärfe der Schere und die
Ordnung der Matrix. Jene Schärfe der willkürlichen Grenzziehung zwischen den Schichten.
Sicher, die Erscheinungen lassen sich auch in einzelne Elemente zerlegen, wie dies der
Kubismus versuchte; umgekehrt lassen sich die Erscheinungen aber aus den Elementen
aufbauen. Dann steht, wie hier, die Wiederherstellung der untersuchten Objekte im
Vordergrund dieser Geflechte. Auf der Basis von “falschen” Gesetzen, die nicht den
ganzen “möglichen” Bildinhalt zur Darstellung bringen – also sich divergierend verhalten
gegenüüber dem vorschnellen Abbild von Wirklichkeit. Berührung findet nicht den ganzen
Inhalt: Mir erscheinen die Bilder im fliegenden Wechsel von Schichten, deren Ausmündungen
ins Reale nur den fermentierten Raum des Außen und der Oberfläche vorgeben. Durchgänge
für das Denken, welches den Weg finden muss, um im Erkennbaren mit dem darggestellten
zusammenzutreffenDas , – als Distanzierung von der Sehgewissheit, in der das Vertraute
Sichtfeld die Kritik seiner Begrenztheit erfährt. Es ist erblickt und es ist Objekt
im Tableau. Wahrheit ist nicht, sie ist die Schöpfung menschlichen Denkens gegen die
sich immer verändernde Struktur des Wirklichen.
So könnte man Helmut Stadlmanns Malweise auch “das mit dem Wirklichen, dem
Konkreten wachsende Unbehagen – durch die Schlaffheit die das Reale mit sich bringt -”
nennen, besessen vom Konkreten, welches ständig entgleitet. Oder auch “das was im
Augenblick des Bildes durch die Verwendung des Schnittes, der Matrix und der Farbe zu
entdecken ist”: ein gerade in dem Augenblick erworbenes Mittel, das überhaupt erst in
die Lage versetzt, den mentalen Raum aus unterschiedlichen Strukturen aber konstanten
Hauptelementen zu rekonstruieren. Die Matrix ist dabei gleichsam ein Verzeichnis
der Wegnahmen und des gegenwärtigen Augenblicks, der einen in die Lage versetzt,
derVollständigkeit des Vergangenen nachzuspüren. Die “Schnitte” könnte man –
metaphernd – als die “Schneisen des Konkreten” bezeichnen. Das wird auch in
Stadlmanns Video “Gesicht” (1986) deutlich. Da ist die Uhr und da ist die Matrix.
Beide eine Art Stellvertreter der “reinen Idee”.
Georg Schöllhammer, Katalogtext Ausstellung in der Galerie
der Secession, Wien 1987.